2022-09-12

Montag, 12.09.2022 – Luidger

Sehr schlechte Nacht mit häufigen Unterbrechungen. Träume äußerst wirr. Spät aufgestanden und ins Homeoffice. VerschiedeneOrga dinge lassen den Vormittag verfliegen.

Mittags Körperpflege damit ich im Gericht einen guten Eindruck mache.

Da ,,meine“ Straßenbahn 901 notorisch unzuverlässig ist, will ich eine Bahn früher nehmen mit dem Ergebnis, dass ich auf die nächste Bahn warten muss.

Im Gericht freut man sich, dass ich ohne Krücken ankomme.

* * *

In so einem Strafverfahren werden viele Dinge verlesen und dass ist besonders anstrengend wenn ein Gutachter heiser ist. Alle lauschen mit bis zum Anschlag gespitzten Ohren. Bei der Urteilsverkündung stehen die Fenster offen, es ist sehr warm. Draußen schreit mal wieder jemand herum.

Es ist erstaunlich, wie sich im Laufe der Verhandlungstag ein Bild zusammensetzt und dabei immer klarer wird. Ich kann nur empfehlen, mal eine Gerichtsverhandlung als Zuschauer zu verfolgen.

Nach dem Ende der Verhandlung laufe ich bis zum Ostende und setze mich in dessen Biergarten. Die noch warme Herbstsonne bescheint die Ludgeri-Kirche. Ein kleiner Junge erzählt seinem Vater ausgiebig von Großkatzen. Familien essen mit ihren Kindern Pizza, Freunde sitzen zusammen. Apfelschorle, Orangschade, Pils und Wein werden gereicht. Ab und an fällt eine Eichel zu Boden.

Ich bestelle noch ein Bier und denke an den heiligen Ludger. Der hat seinen Lehrer, den „Missionar der Friesen“ Bonifatius, sehr verehrt, hat aber auch dessen Methoden kritisch hinterfragt: Bonifatius war das, was wir heute einen religioesen Fanatiker nennen. Er hackte bei den (damals noch heidnischen) Friesen deren heilige Haine um mit der Begründung, dass Thor ihn ja mit einem Blitz erschlagen würde, wenn es ihn denn gäbe. Erstaunlicherweise war Bonifaz bei dem Friesen nicht sonderlich belebt und ist dann irgendwann von ihnen erschlagen worden und wurde so zum Märtyrer.

Luidger war da anders. Für ihn galt die Devise:
Nur ein lebender Missionar ist ein guter Missionar!

Märtyrertod lockte den guten Ludger überhaupt nicht, weswegen er grundsätzlich nur mit bewaffnetem Begleitschutz unterwegs war. Gab es irgendwo Stunk, war Ludger der Erste, der weg war. Der Hauptgrund für seinen Erfolg war allerdings seine Herkunft: Er selbst wer Friese aus „gutem Hause“, sprach (natürlich) friesisch und kannte sowohl Sitten und Gebräuche als auch den alten ‚Glauben seiner Heimat.

Er entwarf eine Strategie: Ludger bezahlte Skalden, welche vorab über die Dörfer tingelten und den Leuten Lieder über diesen „Jesus“ vorsangen. Kamen dann später die Missionare vorbei, hatten die Friesen immerhin schon mal etwas von diesem Glauben gehört. Seine familiären Verbindungen wusste er gut zu nutzen. Auch achtete er streng darauf, dass alle seine Missionare friesisch sprachen.

Bonifaz‘ Truppe bestand nämlich hauptsächlich aus Franken, deren Predigten die Friesen nicht verstanden (kaum zu glauben, was?).

Besonders interessant finde aber Ludgers Argumentation. Er predigte den Friesen: „Bei Euch kann nur ein Krieger in den Himmel — nach Walhalla — kommen. Das ist aber dann nur der Adel. Bei uns musst Du Dich lediglich taufen lassen und schon bist Du im Rennen!“
Ludger verbrachte seinen Lebensabend in einem Kloster im heutigen Ruhrgebiet (Essen-Werden).

Man bot ihm hohe Posten an, doch er wollte offensichtlich nur seine Ruhe haben.

Er starb friedlich in seinem Bett.

Quelle: Mein Gedächtnis. Es stimmt maximal die Hälfte, aber es ist auf jeden Fall eine schöne Geschichte.

* * *

Auf dem Heimweg hupt mich ein kleines Auto an. Darin saß eine gute Freundin der besten Ex-Frau von Allen mit ihrer kleinen Tochter. Sie fuhr mich nach Hause.

Abends schaute ich noch die aktuelle Ausgabe von Extra 3, dann ging es ins Bett.

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