Sternennacht 2

Sie stand auf dem Hügel und schaute hinab in das Tag. Die Stadt am Meer lag in Trümmern. Vereinzelt brannte es hier und dort noch und von den Feuern erhoben sich ölig dichte Rauchschwaden. Sie hüllten die zerrissenen Mauern und den kümmerlichen Rest des Kirchturms in ihr erstickendes Kleid.
Menschen waren keine zu sehen. Die Sterblichen waren schon beim Angriff der Meeresgeschöpfe geflohen oder gestorben, weswegen man sich bei der Rückeroberung keinerlei Zurückhaltung auferlegt hatte. Die erstaunlich schnell zusammengezogenen Artillerie-Einheiten hatten ohne jegliche Rücksicht eine verheerende Feuerwalze über die Stadt wandern lassen. Die Geschöpfe, dunkle und träge Massen, waren nun ihrerseits geflohen und hatten versucht, das schützende Meer zu erreichen – meist vergeblich.

Langsam stieg sie vom Hügel hinab und bewegte sich vorsichtig auf die Reste dessen zu, was einmal der Hafen gewesen war. Ihre nackten Füße gingen über zerbrochenes Glas und geborstenes Eisen ohne sich zu verletzten. Nichts auf dieser Welt würde ihre Haut schneiden können.

Das Meer schwappte über den Strand und zog sich gleich wieder zurück. Sie stand nun mit ihren Füßen im Wasser vor einem der toten Geschöpfe. Es sah aus wie ein schwarzer Wal, der auf hunderten von Tentakeln laufen konnte und war mindestens doppelt so hoch wie sie. Ein direkter Treffer hatte sein Hinterteil weggerissen und es war gestorben, ohne ins Wasser einzutauchen. Doch auch das hätte das Geschöpf vielleicht nicht gerettet, wie einige seiner Kameraden bezeugten, deren zerfetzte Körper nun in der leichten Brandung lagen wie Felsen.
Das tote Wesen vor ihr hatte Augen. Sie waren groß und rund. Selbst im Tod lag in ihnen noch eine kindliche Verwunderung.

Sie wandte sich wieder der Stadt zu. Lichter kamen von den Hügeln herab. Die Leuchtfinger von großen Scheinwerfer tasteten über die Trümmer. Die Soldaten würden jetzt kommen und alles hier absuchen. Die Stadt würde zumindest für kurze Zeit wieder ein Ort der Menschen werden.

Nachdenklich ging sie fort, den Saum des Meeres entlang. Ihre Füße hinterließen keine Spuren im Sand und fast schien es, als würden ihr die toten Augen des Riesen dabei folgen.

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